Die grosse slawische befestigte Höhensiedlung

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Wandert man entlang der Schimmelsprung-Runde hoch über'n Kampfluss, oberhalb von Thunau am Kamp, so wandert man unweigerlich an Ausgrabungsstätten vorbei und findet Informationsmaterial zur grossen slawischen Höhensiedlung.

Von Tautendorf kommend marschierte ich mit Ziel Ruine Thunau | Ruine Schimmelsprung und kam somit an den folgenden Plätzen vorbei. Die historischen Informationen dazu stammt von den Infotafeln, die sich an den jeweiligen Plätzen befinden und dienen somit als Quellangabe für diesen Bericht.

Die grosse slawische Befestigungsanlage umfasst etwa 15ha Fläche und liegt am östlichen Rand des Gföhler Waldes, hoch über dem rechten Kampufer. Die Anlage ist bereits seit 1800 bekannt - aber erst seit 1965 werden hier von der Universität Wien, mit finanzieller Unterstützung der Niederösterreichischen Landesregierung, Ausgrabungen durchgeführt.

Die ersten slawischen Siedler besiedelten die Gegend im Laufe des 8. Jahrhunderts nach Christi - die Anlage selbst scheint aus dem 9. Jahrhundert zu stammen. Für etwa 200 Jahre entwickelte sich hier ein slawisches Fürstentum, von dem hier über die Infotafeln berichet wird. Bei den Ausgrabungen erkannte man aber, dass die Befestigungsanlage nicht die erste Siedlung hier war - Archäologen fanden auch Spuren von mehreren jungsteinzeitlichen Siedlungen, eine grosse Befestigungsanlage aus der späten Bronzezeit und Überreste von keltischen und germanischen Siedlungen.

Schon wenige Meter weiter, nachdem man den "Eingangswall" durchschritten hat, stosst man auf die Barracken, der Uni Wien - diese wurde (werden) als Zentrale für die Ausgrabungen genutzt. Als ich hier in den 1990er das erste mal hier war, war hier stetes Treiben und in den Holzbarracken wurden die Ausgrabungs-Fundstücke sorgfältig gehortet und katalogisiert. Die Holzhütten-Anlage war voller Leben und regem Treiben ... heute ist's still drum geworden.

Dafür war damals die rekonstruierte Wallkonstruktion noch nicht zu sehen ... diese befindet sich fast gegenüber der Holzbarracken-Siedlung. Sie beinhaltet die Toranlage im Südteil der „Schanze“ und die Wallkonstruktion.
Die Toranlage diente als Neben- und Fluchttor - da diese für Wagen und Berittene einfach zu schmal war. Der Wall selbst bestand aus Holzkästen die mit Steinen und Erde befüllt waren. Zusammen mit einer Bruchstein- und Blendmauer davor erreichte der Wall eine Breite von 6 Meter - die Höhe etwa 4 bis 4.5 Meter. Die der Bruchsteinmauer vorgesetzte Blendmauer bestand aus Granulitplatten, die in der Nähe von Steinegg abgebaut und über den Kamp hierher transportiert wurden. Immerhin scheint es sich um gut 5.500 Kubikmeter verbautem Materials zu handeln, die in Steinegg gewonnen wurden und über Flösse am Kamp den Weg zum Wall finden mussten.

Weiter geht es zum Gräberfeld im Herrenhof, welches insgesamt 216 Bestattungen enthielt. Heute eine unscheinbare offene Waldlichtung, versehen mit zwei Informationstafeln - eine das über die Grabanlage informiert und eine zweite Tafel, die über den „Herrenhof“ informiert.

Das Gräberfeld wurde in eine westliche und eine ältere, östliche Gruppe geteilt und zwischen 1986 und 1990 ausgegraben.
Die östliche Gruppe schart sich um eine ungewöhnliche zentrale Bestattung. In einer hölzernen Truhe, welches mit Eisenbeschlägen und Schloss versehen war, befanden sich sauber geschlichtete exhumierte Reste eines erwachesenen Mannes. In einem kleineren Teil der Gräber fand man Grabbeigaben, wie Gewand- und Schmuckzubehör, aber auch eisenbeschlagene Holzeimer, Gürtelschnallen und Messer. In Kindergräbern wurden kleine Tontöpfchen gefunden.
In  der westlichen Gruppe erkannte man Mehrfachbestattungen und beigabenlose Gräber. Das Zentrum bilden hier drei männliche Adelsgräber un eine kleine Gruppe besser ausgestatteten Frauengräber.

Der Herrenhof war ein Areal innerhalb einer befestigten frühmittelalterlichen Anlage - man nimmt an, dass diese als Verwaltungsmittelpunkt diente und hier der Herrscher, also Herr, mit seiner Familie und seinem Gefolge wohnte. Durch die Struktur vermutet man, dass es sich hier um einen Fürstensitz handelte.

Etwas weiter unterhalb stosst man auf eine Plattform auf der im Jahr 1986 die Grundmauern einer Kirche freigelegt wurden - die Grundmauern sind Teil einer der bislang ältesten Kirchen Österreichs nördlich der Donau.
Die kleine Kirche, das Bleikreuz und eine historische Urkunde aus dem beginnenden 10. Jahrhundert sind Zeugen für das Christentum in diesem Gebiet.
Mit dem Ende der slawischen Siedlung verlor auch diese Kirche ihre Funktion. Später wurden die Mauern abgerissen und das Material zum Bau der Burg Thunau | Burg Schimmelsprung verwendet.
Der „locus sancti“ verblieb der Bevölkerung und wurde als Bestattungsplatz zahlreicher ungetaufter Neugeborenen genutzt.
Ein Stein aus dem Fundament dieser Kirche wurde 1988 in die neue Kapelle von Zitternberg eingemauert.


Marschiert man weiter gelangt man auf einen Aussichtspunkt von dem aus man weit nach Norden und Süden ins Land blicken kann.
An Tagen wie heute, bei klarer Sicht ein echt schöner Anblick den man hier, gut 100 Meter oberhalb des Kampes geniessen kann.

Diesen kurzen, aber sehr interessanten Ausflug in die Historie des Slawenreiches kann man ganzjährig besuchen. Entweder über den Anmarsch von der Tautendorfer Seite oder von unten nach oben vom Kamp hoch kommend. Verbunden mit einer etwa 8km langen Rundwanderung lässt sich da schon ein netter Halbtagsausflug einplanen.

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